Krise: GefahrChance

 

Chinesisch für Krisensituationen

Zur Zeit lese ich mit meiner Tochter Die Stadt der wilden GötterDie Stadt der wilden Götter von Isabel Allende. Die Geschichte beginnt, wie meine Tochter meint “sofort mittendrin”: Die Mutter ist todkrank, der Sohn verzweifelt, weil sein Vater ihn zur Großmutter schickt mit den Worten: “Man muss flexibel sein, Alexander. Unsere Familie macht eine Krise durch. Weißt du, mit welchen Schriftzeichen die Chinesen ihr Wort für Krise schreiben? Mit den Zeichen für Gefahr und Möglichkeit. Vielleicht eröffnet dir die Gefahr, die in Lisas Krankheit liegt, eine außergewöhnliche Möglichkeit. Pack Deine Sachen!”

Ich las die Stelle nochmals. Das war mir schon einmal begegnet, in einem Buch zum Thema Change Mangement. Beratermythos, immer wieder per Copy-Paste rezitiert – oder wahr? Gestern konnte ich das dank einer Kollegin, die chinesisch spricht und schreibt, nachprüfen. Und siehe da – es gibt ein Zeichen, mit dem “gefährlich” ausgedrückt wird – und eines, dass die Chance und Möglichkeit transportiert, die einem Ding oder einer Situation innewohnen. (Das Zeichen für Flugzeug: “Möglichkeit zu fliegen”)

Von Möglichkeiten und Chancen

Interessant in diesem Zusammenhang auch die Interpretation des Wortes “Möglichkeit”. Meine chinesische Kollegin hatte auf meine Bitte zunächst das Wort für Gefahr und das für Möglichkeit geschrieben. Dann schrieb sie die Zeichen für Krise. Ich fand das eine der beiden Zeichen für Gefahr darin wieder. Das andere Wort “Möglichkeit” war nicht repräsentiert. Ich war etwas enttäuscht – bis sie auf einmal nachhakte und fragte: “Meinst Du mit Möglichkeit ‘Chance’?”

Dann schrieb sie Chance. Und siehe da, eines der beiden Zeichen war das zweite im Wort Krise. Demnach wird im Chinesischen eine Krise als etwas be-zeichnet, dem Gefahr ebenso innewohnt wie Chancen.

Und unser Wort Möglichkeit beinhaltet, dass es Möglichkeiten gibt – und Chancen.